Coronavirus

Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein

Dieser Satz fällt mir nicht leicht. Aber schon seit vielen Jahren überkommt mich immer wieder dieses Gefühl von Scham. Von uns gewählte Politiker fahren durch Berlin und sehen Rentner, die Flaschen aus den Mülleimern sammeln müssen, um einigermaßen würdevoll überleben zu können. Sie sehen, wie unsere Großväter und Großmütter in Not sind, und tun nichts dagegen.

Wie soll man das einem Fremden erklären. Wie kann man einem Gast vermitteln, dass wir unsere Eltern und Großeltern im Stich lassen. Was sagt man einem Touristen, warum unsere Kinder in heruntergekommene Schulen gehen müssen. Und das sind nur einige wenige Vorkommnisse von vielen, wie wir alle wissen.

Und jetzt? Wie kann ich einem Italiener, Spanier oder Franzosen in die Augen schauen? Sie kommen um vor Angst, vor einem unsichtbarem mörderischem Virus, und die Deutschen denken in erster Linie daran, dass die Kassen nicht überlastet werden. 

Geiz ist stärker als Mitgefühl. 

Und das ist leider typisch deutsch heutzutage. 

Ich dachte eigentlich, wir sind Brüder und Schwestern in Europa. Wir sind ein Kontinent, und wir halten alle zusammen, wenn es notwendig ist. So denken viele, aber nicht die Mehrheit der Deutschen.

„Sollen sie doch arbeiten gehen, die Südländer. Anstatt den ganzen Tag am Strand zu liegen.“ 

Italiener und Spanier liegen den ganzen Tag am Strand, und die gebratenen Hähnchen fliegen ihnen von alleine in den Mund.

Wir sind die starken Deutschen und sehen nicht ein, dass wir die schwachen (faulen) Latinos unterstützen. Genauso wenig wie wir unsere eigenen Schwachen gebührendermaßen unterstützen. 

Ich schäme mich, wenn ich SPD-Politikern zuhören muss. Und Willi Brandt geht es bestimmt genauso.

„Wer 35 oder 40 Jahre hart gearbeitet hat, soll auch eine gute Rente bekommen.“

Die Betonung liegt auf hart.

Davon abgesehen, dass man trotzdem keine angemessene Rente erhält, frage ich Sie, Abgeordnete der SPD:

„Was ist mit den Menschen, die dünne Arme und/oder dünne Beine haben? Haben die kein Recht auf ein würdevolles Leben?“

„Warum werden diejenigen, die einfach nur von Kind an oder vorübergehend schwach sind, nicht angemessen unterstützt?“

Alte, Kinder und Jugendliche, Kranke und Arbeitslose werden vom fahrenden Zug gestoßen. Ganz einfach, weil sie nicht produktiv sind.

So werden auch die Unternehmen behandelt, die gerade durch eine Krise gehen müssen. Großzügig wird verkündet, dass man den Unternehmen helfen werde. Aber natürlich nur denjenigen, die nachweisen können, dass sie in den letzten Jahren Gewinne gemacht haben. Das bedeutet, dass man wieder nur den Starken hilft, und die Schwachen lässt man hängen. Und das finden die meisten Deutschen auch in Ordnung.

„Es kann ja nicht sein, dass die Schwachen von einer Krise profitieren.“ 

Schwache sollen auch schwach bleiben. Die (meisten) Deutschen fühlen sich stark, wenn sie auf Schwächere herabsehen können. 

Und dass es weniger Coronatote in Deutschland gibt, ist für viele insgeheim eine Bestätigung dafür, dass die Deutschen stark sind, und die Südländer eben nicht. 

„Die sind selbst schuld. Warum sollten wir sie also großzügig unterstützen.“

Und das ganze solidarische Gehabe ist nur berechnend und kopfgesteuert. Anders als die Südländer, die mit dem Herzen auf die Menschen zugehen.  

Ein guter Vater verlangt von seinen starken Söhnen, dass sie die schwachen Geschwister unterstützen. Und das ist auch richtig so. Das weiß jeder. Nur unsere Politiker nicht. 

„Sind denn die Italiener, Spanier und Franzosen nicht unsere Brüder und Schwestern?“

Ich gehöre zur Nachkriegsgeneration. Unsere Eltern, unsere Lehrer und die meisten Erwachsenen lehrten uns, gute Menschen und gute Deutsche zu werden. Wir Kinder verstanden das von Beginn an. Wir wollten uns nicht mehr schämen müssen, Deutsche zu sein. 

Die soziale Marktwirtschaft Ludwig Erhards und die Ostpolitik Willi Brandts führte dazu, dass uns unsere Nachbarn wieder vertrauen konnten. Plötzlich konnte man froh sein, ein Deutscher zu sein. Alle haben uns um Willi Brandt beneidet. Und bis Helmut Kohl hatte Deutschland einen guten Ruf auf der Welt. Das führte ja dann auch zum Fall der Mauer.

Europa ist kein Geschäft. Europa ist kein Konzern. Europa sollte doch eine Wertegemeinschaft sein. Und an erster Stelle sollte die uneingeschränkte Solidarität stehen. Für alle Europäer, für alle Menschen in Europa und auch für alle Unternehmen.

Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein.

Coronavirus – Zeit zum Nachdenken